Mittwoch, 26. Juli 2017

Far From Heaven

2003 bin ich angefangen diese Polaroids zu fotografieren. Dies sind keine Schnappsschüsse, wie die Bildsprache suggerieren soll, sondern detailliert inszenierte Fotografien. Inszenierte Bilder meiner Gefühle. 2006 habe ich sie wie einen Film mit Musik zusammengefügt - eine Geschichte. Eine Fotogeschichte. Der langsame Bildwechsel, den wir so gar nicht gewöhnt sind vom Film, lässt die Gefühle mit der Musik entstehen. Tagelang habe ich damals jedes Bild in den Farben bearbeitet, bis diese krasse Farbgebung genau den Nerv traf, den ich spürte - immer wieder spanennd für mich nach 14 Jahren meine Kunst anzusehen. Ich sehe die Schönheit, genauso wie die Zerrissenheit, den Ekel und die Hoffnungnslosigkeit. Ich sehe den Fake, der Ausdruck der unlebaren Sehnsucht ist. Und ich sehe im Ende die Liebe. Die Befreit und einen Weg ebnet. Da heiraten der männliche und der weibliche Anteil. alle Figuren und Szenen sind Spiegel meiner selbst, die inneren KInder, die vorgeschickt werden. Das Idyll der Familie als Symbol für Sicherheit im Kontrast zu der immer wieder sterbenden Frau. Far from heaven ist eine Heilgeschichte - am Anfang fast unerträglich zu sehen, dann viel zu bunt und im Ende fühle ich doch die Freiheit, bei der ich heute angekommen bin. 


Donnerstag, 29. Juni 2017

Fundstücke


Foto: Sigune Sievi



Ich habe einen magischen Tag verbracht. Ein Tag der mich verwandelt hat. Erst in meinem Fotoarchiv zwischen wunderschönen Fundstücken und dann in diesem Film – Embrace. Da war eine Frau, die in ein Feuer geraten ist und deren wunderschönes Gesicht komplett verbrannte. Und sie schafft es, sich genauso, wie sie jetzt aussieht zu lieben. Da waren viele, viele Frauen in diesem Film, die es schaffen sich zu lieben und die überhaupt gar nicht irgendwelchen Schönheitsidealen entsprechen. Frauen mit Bart, mit Übergewicht oder oder. Es ist etwas wie Scham in mir, weil ich weiß, dass ich ein wunderschönes Geschenk mitbekommen habe in diesem Leben. Meine Schönheit. Und ich kann es noch immer nicht fühlen. In mir gibt es keine Verbindung dahin. Das ist doch blöd, mein Kopf begreift das... Wenn aber eine Frau, deren Gesicht von Verbrennungen gezeichnet ist das schafft, dann kann das jeder andere auch. Dann kann ich das auch. Und ich weine – weil ich weiß, wie viele negative Energie ich mein Leben lang darein verschwendet habe, dass ich mich für mein Aussehen geschämt habe. In was für einer Welt leben wir, wenn sich 90% der Frauen nicht schön finden. Diäten, Hungern, Scham, Schönheitsoperationen.... In was für einer Welt leben wir, wenn sich Hundertausende ihre Scheide operieren lassen, weil sie sich schämen. Wir jagen gephotoshoppten Schönheitsidealen nach, die in der realen Welt nicht existieren und wir verletzen uns zutiefst dabei. Ich mag nicht mehr. Ich mag mich endlich so lieben wie ich bin. Mit meinem Bauch, mit meinen Schwangerschaftsstreifen, mit meinen hängenden Brüsten und ich will sie nicht mehr hochpushen. Ich will mich auch nicht mehr schämen, weil ich der Norm von Leistung, Berufswahl oder Lebensstil nicht entspreche oder mich so fühle, so bin wie ich eben bin. Ich will mich genauso lieben wie ich bin. Ich will mich schön finden und stolz auf mich sein. In dem Titellied von Jude Perl – Embrace sing sie, dass die Lösung der ewigen Verurteilung der Anderen darin liegt, dass wir uns selber lieben. Ja, es ist so einfach.
Wir haben alles in uns. Wie lange habe ich versucht, wie jemand anderes zu sein. Dabei bin ich das Beste was mir passieren konnte. Das einzige was ich ändern muss, ist die Art, wie ich mich sehe. Und das beginnt mit einer Entscheidung: ich bin es wert. Ich bin schön. Ich bin das Beste was mir passiere konnte! Ja, genauso!

Foto: Natascha Borowsky

Foto: Bernd Schaller

Foto: Natascha Borowsky


Donnerstag, 15. Juni 2017

Die Wirkung vom Fengshui

 

Fundstücke aus meinen Zwanzigern....

Aussortieren der Wohnung bringt echt mega viele Abschiedsmomente mit sich. Zwischendrin ist soviel Chaos in der Wohnung als hätte ein Tornado eingeschlagen, dann packe ich wieder neue Kisten, bringe Tütenweise Müll runter und die Leere wird sichtbar und dann wieder sitze ich da und weine. Ich war eine andere Frau mit 20 und mit 30 und selbst mit 40. Und weil ich mich nicht spüren konnte, habe ich "gemacht" - ich war eine Macherin - wieviel Projektunterlagen ich gerade wegschmeiße - unser Altpapierkontainer ist diesmal nur von mir voll - ich habe alles aufbewahrt, was bewiesen hat, dass ich fleißig war oder kreativ oder anerkannt oder... das darf jetzt alles gehen - ich spüre meinen Mangel hinter all dem und ich wage mich, dass ich dies aufgebe, dass ich meine Beweise für mein Dasein einfach wegschmeiße. Das hier ist Innere Kind Arbeit live. Wunderbares Übungsfeld!
Und ich verstehe mich. Ich kann mir vergeben und mich im Arm halten. Heute weiß ich, warum ich mich immer gesucht habe, warum ich Fotografin geworden bin und mich mein Leben lang mit dem Selbstportrait beschäftigte - weil ich mich nicht spüren konnte. Es ist so simpel und liebenswert, was wir Menschen tun. Wir wollen gesehen werden, geliebt werden, einen Platz in der Gemeinschaft haben und das ist auch schon alles. Haben wir das nicht, dann entstehen all diese schrägen Überlebensstrategien bis hin zu Hass und Krieg. Das spannende finde ich, dass ich nicht plötzlich einen Platz oder Liebe bekommen habe, sondern dass sich ein Schleier gelüftet hat und ich sehen konnte, dass ich es schon immer hatte - alles da ist und war - und ich mich verabschieden darf von all diesen Überlebensstrategien - denn sie erschöpfen uns. Jede Kompensation fordert irgendwann ihre Tribut und dann ist Zeit fürs Aufräumen und Schleier lüften....




Und dann sind da die Augenblicke der großen Freude: da war eine Lampe, die hat mal ein Ex aufgehängte, weil ihm meine nackte Glühbirne nicht gefiel.... gerade habe ich diesen schrecklichen Lampenschirm in den Müll geworfen und meine nackte Glühbirne wieder befreit!!!! Ich liebe nackte Glühbirnen. Oder der Fund auf meinem Schrank... eigentlich trage ich nämlich gerne Hüte!


Samstag, 10. Juni 2017

Erleuchtung heißt heilen, nichts weiter // Tag 12

Nochmal: ich miste gerade meine Wohung aus und zwar nicht ne Kiste voll, sondern die Hälfte und noch viel mehr kommt weg. Und mit jeder Kiste schaffe ich Platz und spüre ganz deutlich, dass die Fülle, für die ich immer so bewundert wurde hier in meiner Wohnung, Völle ist. Völlerei, die Platz, Raum, mein Leben zumistet! Voll stellt, zustellt, festklebt. Unsere ganze Konsumgesellschaft ist dazu da uns festzusetzen. Da ist kein Platz mehr für Neues. Dinge halten uns im Cocon fest, halten uns unbeweglich und unfrei.
Ich folge der Idee meiner Freundin Nicole, die nicht lange überlegt hat, was sie aussortiert, sondern alles durchgependelt hat. Und mein Pendel sagt, "Raus, raus raus, bleibt, raus raus raus." 6 zu1! Es wird ein Reisekoffer voll bleiben. 
UHUND als mir das klar wurd, hab ich begriffen, warum ich das alte Bild - von dem ich gestern schrieb - in die Hände bekommen habe: mein Traum, wie mein Leben sein soll. Den soll ich leben. Ich träum mein Leben lang von einem Leben aus dem Koffer, auf Reisen, Neues sammeln (Erfahrungen, nicht Dinge) - ich dachte immer, das wäre was für so Abenteurer, aber nicht für mich. Ich bin Mutter und dann auch noch Single und ich bau mir doch hier was auf, da muss ich doch hier sein - Reisen und vor allem lange Reisen, geht doch nur mit Partner und nicht als Frau alleine.... und heute Nacht in der Leere, der neuen Wohnung, merke ich, dass ich gehen werde. Klar geht das alleine und genau darum gehts!!!! Es darum geht, meinen alten Traum zu leben. Und dafür brauch es nicht viel Geld, Wwoofing - arbeiten und reisen auf Ökohöfen zB geht weltweit. Wandern kann ich im Sommer auch hier Deutschland, reisen bedeutet nicht, das dies nur auf der anderen Seite der Welt Spaß macht - auch das sind nur Konzepte - ich zumindest kenne Deutschland noch nicht in und auswendig. Wahnsinn, wie man sich festsetzt mit Konzepten... und Mutter und Oma kann ich dennoch sein und alles andere kann ich auch. Es geht, ich darf einfach umdenken. Ganz neu.

Ich schmeiße gerade meinen kompletten alten Beruf aus der Wohnung. Wie soll auch Platz für meinen neuen Beruf sein, wenn alles voll steht mit Kunstbüchern, die ich gar nicht anschaue - ein Wahnsinn, ich hatte eine Bibliothek, die tausende von Eure gekostet hat, von Kunstkatalogen über theoretisch, philsosopische Abhandlungen und alles Beweise, dass ich da war - bei der Ausstellung, dem Event - das ist reiner Klebstoff, der mich festsetzt. Und es ist alles Prestigekram, der zu einer guten Künstlerin dazugehörte... es ist wunderbar befreiend das alles in den Altpapierkontainer zu werfen und zu verschenken! All die Bewunderung für die erfolgreichen Kollegen einfach abstreifen. Es ist wie das abstreifen des Konzeptes von Erfolg. Jede Blase, ob Kunstszene oder Filmszene oder Heilpraktikerszene (das sind die drei, die ich durchlaufen und erfoscht habe, aber ich bin mir sicher, die anderen funktionieren auf die ein oder andere Weise genauso...) - alle haben ein Konzept, was es bedeutet erfolgreich zu sein - die einen brauchen eine Bibliothek, eine Ausbildung an einer renomierten Akademie (ohne Ausbildung, wird man als Künstler schon mal gar nicht anerkannt - Autodidakten habens total schwer), als Fotokünstlerin zB. braucht man sogar bestimmte Fotolabore in denen man etwas herstellt, um Ansehen zu erlangen.... bestimmte Rahmungen und Größe, also wirklich "cm" sagen was aus über Erfolg....  und bestimmte Galeristen, bestimmte Kunsthostoriker, bestimmte Häuser in denen die Bilder hängen müssen - wenn man die überzeugt hat, hat mans geschafft.... dabei wissen wir alle, dass die großen Künstler erst nach Jahrhunderte feststehen, wer wirklich von Bedeutung war - was soll dann das ganze Gerangel um die heutigen Plätze Nr. 1 - die heutigen Künstler sind Makler ihrer selbst - oh ja oder die Filmszene hier in Deutlschalnd braucht zB. Tatort - wer den schon mal gemacht hat, ist erfolgreich - ich find das ist der größte Quatsch überhaupt, wen interessiert denn Fernsehen? - naja und die dritte Blase braucht eine andere Bibliothek und bestimmte Namen in der Ausbildungsliste. Einer meiner Lehrer sagte oft "eine gezündete Frau hat drei Männer und eine volle Praxis". Ist das so? Dann hab ich weder Zeit für mich, noch für das was mich ansonsten erfreut... Und ist Geld wirklich ein Zeichen für Erfolg???? Ich kenne hunderte von Menschen die viel, viel Geld haben und unglaublich unglücklich sind. Als ich monetär reich war - das war die unglücklichste Zeit meines Lebens. Das haben auch die damaligen Reisen und Ausstellungen oder oder nicht wett gemacht.... Das ist nicht erfolgreich. Selbst mit ner Millionen auf dem Konto sind wir nicht erfolgreich. Wer unglücklich ist, ist nicht erfolgreich, egal wieviele Autos er fährt, wie hoch sein Ansehen in seiner Blase ist, oder wieviele Männer oder Frauen er vögelt. Wieviel er sich von dem oder dem anderen leisten kann - Selbst eine volle Praxis, überlaufene Seminare, Bücher veröffentlichen oder in aller Munde sein, Ausstellungen weltweit sind kein, nullkommanull Zeichen für Erfolg. Was machen wir uns da vor???? Das ist doch totaler Bullshit! Das ist doch totale Verarsche von uns selbst - das ist Ablenkung und Ausrede pur. Wer getrieben seine berufliche Karriere vor schiebt ist doch nicht erfolgreich. Das ist doch Quatsch. Das ist doch nur eine Methode, wie wir uns ausweichen. Wer glaubt denn sowas heute noch? Das ist doch ein Theaterspiel, dem wir da nachgerannt sind. Ein Fakeplatz, eine Illusion, die schon so lange geplatz ist. Wir wissen es alle. Warum in Gottes Namen, trennen wir uns nicht alle von diesem Konstrukt der Selbstverarschung???? Erfolg kommt erst, wenn wir uns uns selber selber stellen. Erfolg kann erst kommen, wenn wir durch unsere Ängste, Traumen und Verletzungen durch sind. Erfolg kann nur kommen, wenn wir uns befreien von all diesen Konzepten und uns nackt zeigen. Splitterfaser nackt, so wie wir gemeint sind. Vorher sind wir Zombis dieses Alptraumes von Konzepten und Regeln der einen oder anderen Blase. Zombies der Werbung, Zombies von Werten, die andere uns einreden - und das klappt nicht. Das bekommt doch jeder mit - es funktionert nicht. Auf diese alte Weise werden wir nicht glücklich, nicht erfolgreich. Wir werden nicht das was wir eigentlich in uns sind: WIR verbunden miteinander. Unser authentisches Sein. Und nur dieses authentische Sein, was wir nackt in uns sind, kann überhaupt erfolgreich und glücklich sein. Dafür müssen wir es aber erstmal freilegen, antreffen in uns, behüten, wachsen lassen und in die Welt bringen. Wir müssen für uns sorgen, für diesen zarten, feinen Kern in uns. Für diese inneren Kinder, die wir sind. Wir sind die Eltern, wir sind verantwortlich, dass diese Kinder  weder erdrückt werden noch unterernährt sind. Wir müssen Platz schaffen und uns selber nähren!

Ich zB. sitze hier seit Jahren fest in meinem Cocon. Sitze hier mit meiner tollen Bibliothek, der Fülle um mich rum, den Namen auf meiner Vita, die sich toll liest - aber das ist doch nicht erfolgreich. Damit verarsche ich euch, aber ich selber spüre es doch in mir. Jeder spürt es in sich, dass das alles nicht stimmt und gelogen ist. Wir lügen uns selber in die Tasche und halten uns damit als eigene Gefangene. Wenn ich mit euch im Kontakt sein will, wenn ich mit mir im Kontakt sein will, wenn ich mich wirklich spüren will, dann geht das nur, wenn ich aufhöre mich zu belügen. Wenn ich aufhöre das alte Spiel mit mir selber zu spielen. 
Es gibt kein Konzept im Außen von dem was erfolgreich ist. Nichts im Außen beweist Erfolg. Den Erfolg eines anderen Menschen werden wir nicht auf seinem Bankkonto oder in seiner Vita sehen, sondern in seinen Augen.
Ich werde nun die nächsten Wochen abtauchen und meine Wohnung ausräumen. Platz schaffen, verschenken (wer was möchte, darf gerne kommen und es holen!!!
Der Mamutbaum braucht alle 40 Jahre ein Feuer, dass ihn vom Ungeziefer der erste Hautschicht befreit. Das ist nötige Reinigung im Urwald. Nehmen wir unsere Flammenwerfer und reinigen wir uns selber von allem belastenden Stuff. FengshuiAHO


Acryl, Bleistift auf Papier, 50 x 60 cm, 2016,

„Keine Ahnung“











Freitag, 9. Juni 2017

Erleuchtung heißt heilen, nichts weiter // Tag 11


Ich sortiere gerade meine Wohnung aus und habe ein riesen Gemälde von vor 10 Jahren gefunden mit einem Text darauf, der mich sehr berührt. Wieviel ist passiert in 10 Jahren? Wie sehr hat mich mein Weg verändert? Wahnsinn! Total. Das wovor ich Angst hatte, ist heute meine Realität. Heute stehe ich, mit allen Prozesse, mitten in meinem Leben, im Hier und Jetzt. Noch nie war ich so glücklich, selbst wenn ich einsam bin oder in Panik gerate oder verzweifelt weine – da ist ein hier sein, ein glücklich sein immer parallel vorhanden. Dieser Text erinnert mich daran, wie verzweifelt, leer, verlassen ich war, jeden Tag, immer, permanent - und niemand hat mir angesehen, weil ich perfekt schauspielerte. Und ich hatte keine Ahnung, wie ich es ändern sollte... 

Das schrieb ich vor 10 Jahren: 
„Wie ein Schleier legt sich die Angst vor mein Leben. Ich bleibe hier stehen und traue mich nicht hinein. Doch sie Sehnsucht nach meinem Leben brennt in mir, zieht mich voran. Ich spüre sie so deutlich, alles zieht mich hinein in mein Leben. Doch gleichzeitig stehe ich davor, wie vor diesem Bild. Das Leben, mein Leben, scheint mir unerreichbar zu sein. Ich könnte nicht gut genug sein. Ich könnte nicht gemocht werden. Ich könnte allein sein. Es erscheint mir zu groß für mich – das, nachdem ich mich sehne. Und so traue ich mich gar nicht erst vor. Schaue ich zurück in mein Fotoalbum, scheint es mir, als hätte ich es gehabt, dieses Leben, mein Leben, aber jedes Mal wenn ich drin stehe, sehe ich nur eine Art Traum in der Ferne, eine Fata Morgana, weit weit weg, ungreifbar – wie ein Schleier dieser Worte sich vor dieses Bild legt, so liegt undurchdringlicher Nebel zwischen mir und meinem Leben. Ein Tor in eine andere Dimension, in eine andere Welt – doch dort liegt mein Glück, meine Liebe, meine Aufgabe – mein Leben eben. Aber ich bleibe hier gelähmt stehen. Meine Angst, ich müsste alles zurücklassen, lässt mich auf dieser Seite verharren und so passiert mein Leben ohne mich. Dort drüben, hinter diesem Durchgang sehe ich die Lichter der Liebe ganz deutlich glühen.
Doch wer ist diese Frau in meinem Fotoalbum, die mein Leben gelebt hat – so froh und glücklich? Wieso kann ich sie nicht im Hier und Jetzt spüren? Wieso sehe ich nur in der Vergangenheit dieses Glück der Frau?? Es ist verrückt, ich erblicke diese Frau auf den Bildern, wie froh sie mein glückliches Leben lebt, aber ich erinnere mich daran, dass ich auch damals nur daneben stand und nichts fühlte. Völlig abgetrennt.
„Geh hindurch“ schreien die Geister mir zu. Aber was ist, wenn dort nicht Hier und Jetzt ist, sondern eine andere Welt mit anderen Menschen? Meine Sehnsucht zerrt an meinem Herzen, wie ein Sog ziehen mich die Kräfte der Liebe durch dieses Tor. Ich soll es wagen? Soll ich es riskieren? Wirst du noch da sein auf der anderen Seite und all ihr anderen auch? Was ist, wenn es Abschied bedeutet?
Und so bleibe ich zögernd hier stehen und sehe von der Ferne zu. Wie der Ort, wo mein Leben sich lebt, soweit entfernt von mir ist und ich ihn nicht ereiche.“ 21. Juni 2007

Ich bin das Risiko eingegangen und bin gegangen durch das erste Tor und danach durch viele weitere. Immer tiefer hinein, immer weiter voran. 10 Jahre ist das her, als mein Leben komplett auseinanderbrach. Ich habe viel verloren. ich habe versagt und verloren, genau wie ich es ahnte, habe ich viele Menchen verloren. Menschen, Orte, Kunden, Prestige... mein Auto, mein Geld, Ideen und Vorstellungen von wie das Leben sein sollte, aber nie war. Ja, das hat jedesmal mega Angst gemacht und viel Mut gekostete, dennoch durchs nächste Tor zu gehen. Aber alles war besser als dieses Zombieleben. Dieser Knoten im Hals, diese Übelkeit wenn ich mich im Spiegel nicht sah. Ich habe soviel verloren, dass ich nur noch nackt da stand.
Doch ich habe das wertvollste, was mir mein Leben schenken kann gewonnen: MICH. Meine innere Freiheit, mein Sosein. MICH. Mich und die Liebe. Die Leichtigkeit und meine Kinder. Ich würde immer wieder gehen und ich werde immer weiter gehen. Ich habe es keine Sekunde bereut, selbst in den dunkelsten Stunden nicht. Ich habe keine Bilder mehr, die ich ein Fotoalbum kleben könnte, aber ich spüre mich jede Sekunde und ich sehe die Welt und die Menschen. Mein Weg hat sich gelohnt! Der Weg nach Innen lohnt sich. Immer. Der Sprung ins kalte Wasser und durch das brennende Tor. Es lohnt sich das Risiko des Lebens einzugehen. AHO

Acryl, Bleistift auf Papier, 50 x 60 cm, 2016,

„Keine Ahnung“

Freitag, 26. Mai 2017

Nachruf, für eine Mann der gerade starb

Vor zwei Jahren schrieb ich diesen Post auf Facebook:
Das ist ein Nachruf für eine Mann der gerade starb, mit dem ich vor zwanzig Jahren Zeit verbrachte. Er war der beste Freund meines Liebsten damals und uns alle drei verband die Fotografie. Er war wie ein kleiner Junge, hilflos und irgndwie völlig schräg. Seine Stimmung kippte manchmal absurd schnell und ich verstand seine Interpretationen der Außenwelt nicht. Ich mochte ihn. Ich hab ihn bis heute im Herzen.
Damals vergewaltigte er eine Frau. Ich erlebte ihn aus dem Gefängnis heraus und danach. Er konnte es nicht fassen, was passiert war. Er versuchte den Punkt zu erreichen, wo die flirtende Situation kippte, doch da war soviel Wut. Ich verstand ihn nicht. Er suchte Hilfe, so sehr suchte er Hilfe und wußte nicht wie er in sich die Bereitschaft finden konnte. Ich war völlig überfordert davon. Wir suchten gemeinsam nach einem Therapeuten und einer Selbsthilfegruppe – ich glaube er ging nicht hin. Ich sah zu, wie ihm die Türen seines Studium zuflogen, wie sich die Welt von ihm abwendete. Ich konnte es keinem verdenken und gleichezeitig sah ich ihn und seinen Schmerz, seinen unstillbaren Schmerz. Er stand immer wieder mal vor der Tür, immer angetrunken mit einer Bierflasche im Anschlag. Ich verwies ihn nach ein paar Jahren der Tür und er kam nie wieder. Dennoch hörte ich immer wieder von ihm. Heroin, Entzugskliniken, wieder Heroin, der Versuch eine Beziehung zu leben und wieder ein Absturz und wieder und wieder. Das letzte Jahr verbrachte er clean in einer Klinik. Es ging ihm besser, sagten alle und dann lag er tot in seinem Zimmer. Er hat sich nie wieder von dieser Schuld erholt. Und ich stehe hier und weine. Es tut mir so leid. Es tut mir so leid, dass ein Mensch so ein Leben leben musste. Das es keine Rettung gab für ihn. Das er so gehen musste, so ohne jegliche Heilung, ohne Hoffnung. Es tut mir so leid, dass er damals wie heute keinen Ausweg wusste. Das er sein Trauma aus der Kindheit nicht heilen konnte. Er ist der einzige Täter, den ich - wissentlich - so nah kennen lernen durfte, neben meinem Stiefopa, der mich sexuell misshandelte. Und es tut mir so leid. Es tut mir für uns alle so leid – das wir in diesem Rad aus Schuld, Opfer und Tätersein so gefangen sind. Es tut mir so leid für all die, die Opfer von sexueller Gewalt werden und es tut mir leid für die, die solche Wege meinen gehen zu müssen. Die so wenig an ihre Liebe angeschlossen sind, dass sie eine Ausweg, ein Überleben in dem gewaltsamen Krieg(en) von Sex sehen. Die ihre eigene Ohnmacht in kriegerische Macht verdrehen und im Ende sich selber zutiefst zerstören. Es tut so weh. Dieses Versagen unserer Welt zu sehen, tut so unendlich weh.
Ich schick dir meine Liebe hinterher, liebe Seele. Wo auch immer du jetzt weiterreist, ich wünsche dir so sehr dass du heile wirst. Das du dir vergeben kannst und irgendwann dich wieder in der Liebe fühlen kannst. Ich habe dein Herz damals sehen dürfen und ich weiß, dass es gut und voller Liebe ist. Neben all dem Schmerz, der Wut und der Verzweifelung. Es tut mir leid, dass es für dich keinen Weg hier gab. Das wir, die Menschen auf der Erde dir keinen Weg zeigen konnten, der dich geheilt hätte. Ich wünschte das wäre anders hier, anders für uns Opfer und anders für uns Täter. Mögen wir heilen, mögen wir heilen in diesem Leben, darum bete ich. AHO.

Donnerstag, 25. Mai 2017

Erleuchtung heißt heilen, nichts weiter // Tag 10

Heute ist Vatertag. Für viele Menschen kein leichter Tag. Den guten Anteil im eigenen Vater ehren fällt vielen Überlebenden sehr schwer. Wenn der Vater seine Sexualität mit seinen Töchtern lebt, seine Söhne vergewaltigt oder wenn die Sexualität ausgelagert wird in die Pornoindustrie, dann ist Not in der Familie, in der ganzen Gesellschaft. Dann ist die natürliche Ordnung verdreht. Auch wenn die Mutter Hand an ihre Söhne legt. Die Zahlen zeigen jedes 3. Mädchen und auch jeden 5. Jungen als Opfer sexueller Gewalt und nicht alle Täter sind Männer. Es betrifft die hälfte der Gesellschaft, wenn wir die Täter mitzählen, kein unrelevantes Thema.

Ob die Väter Täter waren oder nicht beschützten, nicht da waren – die Vaterrolle ist lange, lange Zeit in unserer Gesellschaft seltsam verknüpft. Väter müssen das Geld ranschaffen und gleichzeitig der Fels in der Brandung sein aber weil die Mutterrolle so rein und fürsorglich konnotiert ist, fällt der Sex weg. In der klassischen Familienaufstellung wird dann sehr deutlich, dass da eine Leerstelle neben dem Vater ist, die sich neu füllt. Was dann passiert, tut einfach nur noch weh, ich habe es durch meinen Stiefopa erlebt.
Ich möchte ein christliches Thema ansprechen, was ich in meinen Aufstellungen gerne umstelle: Die Rolle Josefs in der Geschichte, der Vater. Wir haben einen Fehler gemacht im Lesen dieser Geschichte, finde ich. Sie steckt voller Parabeln, doch wir haben sie wörtlich genommen. Nehmen wir sie wirklich wörtlich und analysieren die Rollen mal familienaufstellungstechnisch, entfaltet sich ein verwirrtes Bild, was aufgeräumt werden möchte.
Vier Archetypen haben finden wir in der ursprünglichen Geschichte: Mutter Maria, Vater Josef, das Kind Jesus, der später als er selber Erwachsen wird seine Frau Maria Magdalena an seiner Seite. In der Geschichte wird der Göttlichkeit, dem großem Vater, eine fünfte Rolle zugewiesen, was für viel Missverständnis sorgt.
Wenn Maria eine unbefleckte Empfängnis vom Vater bekommt, also Sex mit dem großem Vater hatte, dann läuft in dieser Geschichte was falsch. Mal abgesehen von dem Missbrauchsthema, was Mutter Maria da mit ihrem Vater hatte, auch diese auserwählte Göttlichkeit des einen Menschen – nur der eine bekommt was von der Göttlichkeit ab, wir andern sind „nur“ irdisch gezeugt - das hat nur einen Nutzen, die Manifestierung des Patraichats: es gibt einen Bestimmer, einen Monarchen, einen Auserwählten – so stellt sich die Kirche zumindest im Laufe der Geschichte dar. Machtmissbrauch wo wir hinschauen in Historie der Kirche. Und Mutter Maria, wie geht es ihr damit, dass sie von ihrem Vater misshandelt wurde und sein Kind austrug??? Hatte sie deswegen keinen Sex mit ihrem Mann? Vielleicht machte sie gerade die tiefen Prozesse, die eine Aufarbeitung eines Missbrauchs mit sich bringen, zu der tiefen, wundervollen Frau mit dieser alles umspannenden Mütterlichkeit – aber vielleicht hatte sie auch einfach Sex mit Josef und der wurde verschwiegen???
Und Jesus. Hat er sich als Auserwählten gesehen? Jesus war ein Held, ein Vorrausgeher, aber er hat sich auf Augenhöhe gesehen, was er geliebt hat und immer wieder dargestellt wird in der Geschichte. Jesus hätte seine Geschichte ganz anders geschrieben, als das was da heute steht, das ist sicher! Das Bild, Jesus als etwas Besonderes hinzustellen, richtet mehr Schaden als Nutzen an. Wir bemühen uns alle heute darum, endlich Augenhöhe in Beziehung zu bekommen und reden davon, dass wir alle einen göttlichen Funken in uns tragen. Diese alte, immer noch einflussreiche Geschichte, hilft uns dabei nicht. Jesus hat also vom Göttlichen genau das bekommen, was wir alle haben und unsere Mütter brauchten dafür keinen Verzicht auf Sex mit ihren Männern..
Vielleicht liegt das Problem auch in dem Begriff „Geschichte“, der wird für ausgedachte Märchen, für fiktive Vergleiche wie Parabeln genauso genutzt wie für die Wahrheit, die Historie. Und selbst die Wahrheit – wir kennen alle die Geschichte von Buddha über die sechs Blinden, die einen Elefanten beschreiben. Für den einen ist der Elefant ein Pinsel, weil er den Schwanz in der Hand hält und für den anderen ein schwerer Tontopf weil er den Fuß beschreibt – selbst die Wahrheit ist immer in Frage zu stellen.
Aber zurück zum Vatertag, der Ehrung des irdischen Vaters: Dem eigentlichen Vater, Josef, wird in dieser Geschichte seine Vaterschaft abgesprochen. In dieser Geschichte steht Josef keine sexuelle Verbindung zu. Er darf beschützen, ernähren, arbeiten, aber seine Frau soll er unbefleckt lassen, also keinen Sex. Was macht Josef dann???? Ja, da gibt es ja noch die ohnehin als Hure deklarierte Maria Magdalena. Die Tochtergeneration. Hier beginnt ein Teil der Verwirrung und im dunkel liegender Geschichte. Als ich klein war habe ich Mutter Maria und Jesus für ein Paar gehalten, weil sie auf den Abbildungen im gleichen Alter dargestellt werden. In der Geschichte gibt es zwei Paare, die aber nicht zusammen gehören. Vater und Tochter. Sohn und Mutter.
Ich räume in meinen Aufstellungen gerne an dieser Stelle auf: ich gebe Josef seine Frau wieder an die Seite und ihm den Dank für den Samen. Dank für seinen leiblichen Sohn Jesus. Ich gebe ihm auch seinen Sohn wieder. Und auch die Mutter darf in der neuen Geschichte wieder Sex haben und zwar mit ihrem Mann Josef. Die unbefleckte Empfängnis ist in meinen Augen eine Idee, die jahrtausendelang katastrophale Folgen in unser Dasein geschlagen hat. Geschichten drücken aus, was da ist in einer Gesellschaft – also hat es schon vor 2000 Jahren eine große Verwirrung über die Mutterrolle und Vaterrolle gegeben, an der wir bis heute tragen. Die Vaterrolle ist ein anderer Archetyp als der Sohn. Auch die Sexualität ist anders. Ich merke immer Jesus und Maria Magdalena können leicht als Paar wieder zusammen gefügt werden, doch Josef und Mutter Maria sexuell wieder zusammen zu führen ist ein fast unvorstellbarer Schritt. Vater und Mutter dürfen keinen Sex haben. Ich hol an der Stelle die alten Wikinger ins Spiel. Kein gestandener Wikinger hört nach dem ersten Kind auf mit seiner Frau zu schlafen. Da bleibt eine erdige, sehr verwurzelte Sexualität, die gelebt wird, bis ins hohe Alter. Selbst wenn wir uns diese Idee nur bei Asterix und Obelix abholen, doch in dem Dorf gehen die Väter mit ihren Frauen zurück in die Hütte. Auch die Alten noch.
Ich will sagen, wir dürfen aufräumen in uns und die Rollen neu besetzen. Die Sexualität wieder entwirren, so dass Vater und Mutter und der Sohn und seine Frau wieder Sex haben, wieder in intime tiefe Verbindung miteinander gehen. Mutter und Vater dürfen Sex haben, unbedingt! Dazu gehört auch dass wir Maria Magdalena ihren Ehrenplatz Jesus gegenüber wiedergeben. Es ist geschichtlich schon lange bewiesen, dass sie Apostolin Nr.1 war, seine engste Vertraute. Das mit der Hure ist eine Erfindung um von ihrem wahren Wert/Platz, als Frau abzulenken. Sie war mit Sicherheit eine sehr karismatische Frau und das wird auch Jesus gemerkt haben. Nicht umsonst hat sie ihn bis ins Grab begleitet und war die Auserwählte, die ihn als Wiederauferstandenen erleben durfte. Da war kein Mann, der diese Existenzielle Nachricht verbreitete. Die Weise, die Sehende war eine Frau. Hier im Museum in Berlin liegt ein Teil ihren Evangeliums, dass seit 1896 bekannt ist. Es stammt von 160 nach Christi. (Ich hab darüber geschrieben: http://schamanin.ninaschmitz.de/2016/03/maria-magdalena-war-jesus-nachste.htmlImmerhin hat die Kirche ihr inzwischen Heiligkeit und einen Feiertag zugesprochen. Wie spannend das ich diesen Satz schreibe – es gibt etwas in uns, dass darauf wartet, die Wahrheit anzuerkennen, bis die Kirche sie endlich anerkannt hat – als würde es dann erst wirklich wahr werden, wenn die da Oben anerkennen, dass Maria Magdalena Apostolin Nr.1 war und endlich der erste weibliche Papst geweiht wird. Diesen weiblichen Weg, den dürfen wir hier auf Augenhöhe neu begehen, auch ohne die da Oben, die gar nicht da oben sind. Wir sind es, die sie dahinstellen. Wenn wir diese uralte Egoverknüpfung auflösen in uns, dann ist Erleuchtung möglich. Wenn wir die Geschichte entmachten, neu schreiben, enttarnen wir die heilig gesprochenen Fesseln. Auch heilig gesprochene Fesseln sind Fesseln, aus denen wir uns befreien können. Augenhöhe und die entwirrte Version von tiefer Verbindung ist möglich und notwendig, dann heilt auch der sexuelle Missbrauch, der so viele betrifft in dieser Gesellschaft.
Ehren wir die heilen Anteile in unsere Vätern. Ehren wir Josef für seinen Samengeschenk an Jesus und dafür dass er ein guter Vater war. Und erlauben wir ihm wieder Sex zu haben mit seiner geliebten Maria, die nicht ganz so unbefleckt sein muss. Möge Gnade einziehen und unsere Sexualität neu ordnen. AHO

Acryl, Bleistift auf Papier, 50 x 60 cm, 2016,

„Keine Ahnung“