Freitag, 24. Februar 2017

Sexueller Missbrauch geht uns alle an


Survivors´Collective Berlin


Schweigen ist vorbei.

Gestern haben wir uns das zweite Mal getroffen. Und wir waren 12 Menschen, ein Mann und 11 Frauen. Alle Betroffene von sexuellem Missbrauch in der Kindheit. Unsere Geschichten haben uns tief berührt. Die Ähnlichkeit der Gefühle und der Lebensumstände sind jedesmal frappierend. Wenn einer erzählt, nicken die anderen. Da gibt es welche, die mußten mehrmals Abtreiben, weil sie schwanger von ihrem Vater waren oder welche die weitergereicht wurden zu den Freunden der Familie und welche die waren erst zwei Jahre und andere die dazu geschlagen und verlassen wurden. Es war der Bruder, der Vater, der Onkel, der Lehrer, der Stiefopa, die Mutter, die Freundin der Mutter - immer war es Macht und tiefste Verletzung, die sich wie ein Netz bis heute durch das Leben zieht. Jeder, der da saß, wußte wie es sich anfühlt. Die Krisenzeiten, wenn Flashbacks kommen, die Tage wo man völlig neben sich steht im Nebel, das Alleinsein, das Erdrücken des Schweigens und die doofen Kommentare, wenn man spricht, das Stigma mit dem man in der Gesellschaft konfrontiert ist, Opfer sind eben so - dabei sind wir ganz anders. Und genau an dieser Stelle kippt die Energie in eine große Kraft. Hier zeigen sich die Fähigkeiten, die ein Mensch entwickelt, wenn er von klein auf ein solches Trauma trägt. Jeder von uns hat eine innere Stärke entwickelt, ein Stehen, ein ich-will-leben, trotzdem und dennoch. Wie einen gleißenden Lawastrom fühle ich die Überlebenskraft dieser Menschen. Es sind Heldengeschichten, von Überlebenden, die großartige Strategien entwickelt haben um heute hier zu sein. Da ist ein Lebenwille, der ist so stark, dass er Bäume ausreißen kann. Da ist ein ich will etwas machen aus diesem Leben. Mit dem, wie es ist, will ich etwas richtig Gutes machen. Da ist ein Wunsch nach Aktion, nach freiem Leben, nach Gesehen werden im Sosein, nach authentisch sein können und endlich einen Platz haben in dieser Gesellschaft. Und zwar mit der Geschichte, nicht ohne sie.
Doch wir gehören nicht dazu. Immer noch nicht. Der Taburaum, um dieses Thema ist immer noch so groß, dass weiter neue und neue sexuelle Übergriffe an Kindern darin geschehen. Und die Kinder brauchen, dass wir diesen Taburaum öffnen und alle hinhören. Das ist ihr Schutz, wenn wir hinsehen. Für die Kinder. Wir wollen nicht mehr schweigen. Ja, diese Themen sind schwer und die Menschen wollens leicht und lustig. Genau das wollen wir auch. Und zwar gleichzeitig mit dem schwer. Leicht schließt schwer nicht aus, sondern sie existieren gleichzeitig.
Wir wollen tanzen und Picknick machen. Flashmobs und Theater spielen. Wir wollen unsere eigenen Aufkleber, Buttons und Bilder entwefen. Wir wollen ein Buch zusammen schreiben und einfach füreinander da sein. Wir wollen stricken und basteln und vielleicht auch mal Kuchen backen. Und weinen und lachen. Wir möchten gesehen werden, wie wir sind. Mit dem Schmerz und der Lebenslust. Mit der Langsamkeit, den Zweifeln und der Feinheit, die wir entwickelt haben für andere Menschen. Wir wollen unsere Maksen abnehmen. Wir wollen Sprühaktionen in der ganzen Stadt machen. Wir wollen malen und unsere Bilder ausstellen, wir wollen singen und verbunden sein. Mit uns und euch. 
Nina Schmitz
Survivors´Collective Berlin ist für Überlebende von sexuellem Missbrauch. Wir treffen uns am 3. Donnerstag im Monat. Schreibt uns. 
Hier ist unsere Facebook-Seite: 

Donnerstag, 9. Februar 2017

Sie kam mitten aus den Flammen.

Heute ist Maltag. Mein inneres Kind ist mir in die Arme gerannt. Sie kam mitten aus den Flammen. Dieses Bild gab mir gestern meine liebste Claudia. Seit mehreren Tagen brenne ich. Ich fühle sie, endlich fühle ich mein inneres Kind, was bisher nur sterbend wollend im Gitterbett lag. Es fühlt sich an, wie mitten im Feuer stehend und das einzige was ich tun kann ist fühlen. Atmen und immer wieder nach der Kleinen schauen. Es gibt Momente da denke ich, ich halte das nicht mehr aus. Diese Schmerzen, diese Verlassenheit ist so krass. Es tut so weh. Schreie kommen aus mir raus, denen ich mir nicht bewusst war, dass sie in mir saßen. So viele Tränen. Und dann wieder völlige Erschöpfung. Angetriggert werde ich durch aktuelle Anlässe. Ich bekomm mit, dass sie profan sind – das ich, die weise, ruhige Nina, das eigentlich händeln können müsste – doch ich kann nicht. Es gibt auch kein zurück mehr. Also halte ich mein Kind, bete, fühle die Erde unter mir und spüre bis die Welle wieder abflacht und dann male ich.Und ich spüre schon den Frieden und das Glück meines inneren Kindes, dass es endlich da sein darf, auch mit all seiner Schwere. 
  
GefühleMALEN Feb 2017. So fühle ich mich heute. Es gibt noch alte Arme, angekettet mit zwei linken Händen, die handlungsunfähig waren, mit schweren dunklen Gewichten. Meine neuen Arme sind gesund. Da klebt Teer bis zu den Füßen, aber innen drinnen ist alles heile und leuchtet pink und wild und frei. Es gibt ein starres Kreuz aus Feuer oder glühendem Stahl, was mich unbeweglich macht, die Wirbelsäule runter, über die Schultern und vor dem Gesicht. Halt die Klappe. Du siehst die Wahrheit nicht. Dieses Kreuz tut weh. Ist schwer und so eingefrässt nach Innen. Das Herz brennt. Ich stehe wie eine Kriegerin. Genau, ich stehe! Ich kann das alles halten. Und ich fühle es - das ist die gute Botschaft. Aho
Acryl auf Papier, 84 x 60 cm


Ich weiß die Energie der Zeit unterstützt diese Prozesse gerade. Wenn die Planeten alle vorwärts laufen heißt das Heilungsprozesse mitgerissen werden – da will sich was heilen mit aller Kraft. Es will vorwärts. Und die Portalübergänge, die wir gerade täglich passieren, holen so richtig die noch unstimmige Scheiße aus uns raus. Sie verbinden uns mit unserem Emotionalkörper und so werden Gefühle gefühlt, die wir lange von uns abgetrennt hatten. Und Samstag steht uns eine Vollmondfinsternis im Löwen bevor. Der Löwe will spielen und Lebensfreude. Und was da im Weg steht das darf sich zeigen. Der Februar ist Kalimonat in diesem Jahr. Ein Großreinemachmonat. Heißen wir ihn willkommen – was bleibt uns auch, wir stehen eh schon mitten drin.
Es ist gut, wenn wir fühlen. Auch Schmerz. Das dauert nicht so lange, wie wir meinen. Wirkliches fühlen dauert 90 Sekunden. Wenn wir es schaffen ein Gefühl so lange zu halten – also aushalten, es willkommen heißend aushalten, dann hat es sich integriert und durchgefühlt. Dann brauch es in Zukunft nicht mehr, um seiner Anerkennung Willen, neue Situationen der Spiegelung kreieren. Dann haben wir uns selber von den Triggern geheilt. Wenn eine Wunde geschlossen ist, kann sie nichts mehr antriggern. Doch vorher sind diese Wunden wie Kinder. Diese inneren Kinder wollen gesehen sein. Sie wollen, dass wir ihre Gefühle einmal wahrnehmen und sie trösten, wie eine Mutter ihr Kind was von draußen mit aufgeschürften Knien reinkommt. Nur dass es aufgeschürfte Herzen sind. Wir würden ein Kind mit blutenden Knien auch trösten, trösten wir also jetzt uns. Ich weiß, die Schwierigkeit liegt darin, in dem Moment, wenn uns die Gefühle fluten, noch soviel wachen Geist zu haben, dass wir daran denken, dass es gerade nicht die aktuelle Situation ist. Und unser Ego will uns jedes Mal weiß machen, dass es die aktuelle Situation ist. Jedesmal, wenn uns Stürme durchfluten ist das Mantra „So habe ich mich schon als Kind gefühlt“ hilfreich, damit wir uns erinnern. Und wenn wir es dann noch schaffen, nach dem Kind zu sehen und zu fragen, wie es sich fühlt und ihm sagen, dass wir es gerade sehen, dann läuft die Heilung. Es ist so simpel und in der Tat während dessen so schwer. Deswegen empfehle ich unbedingt an dieser Stelle für eine Weile Hilfe rein holen. Bis sich dieser Weg automatisiert hat – das ist nicht so lange. Menschen, die wie ich und Claudia Rienäcker oder Ellen Kalwait-Borck genau diese Felder halten und einen durch eine Welle führen. Heute ist Maltag und die Kinder wollen malen. Ich freu mich drauf. 

Samstag, 4. Februar 2017

Genauso bin ich.

Ich weiß noch nicht wie ich an das nächste hochkommende Thema gehe, ich spüre es schon in mir hochsteigen und gleichzeitig flutscht es mir auch ganz schnell wieder weg.
Es gibt Nachtraumatisierungssituationen die sind ganz profan. Ich sitze in einem Amt und will einen Personalausweis beantragen. Mir sitzt ein Mann gegenüber, der sehr dominant etwas fordert und wupps bin ich wie ein kleines Baby, naiv, kann nichts mehr sagen. Ich agiere dann wie ein dummes kleines Mädchen. Ihr würdet mich nicht wiedererkennen. Ich werd dann wütend über mich und meine Unbeholfenheit. Ich kenne mich doch auch anders. Ich weiß, dass ich stark bin und stehen kann und mich wehren kann. Aber dieses kleine Mädchen kann sich nicht wehren. Sie ist wieder zwei Jahre, steht in ihrem Gitterbett, hat sich für ein erstes Nein entschlossen, presst den Mund zusammen und will ihn nicht mehr reinlassen und dann reißt er mich aus dem Bett und verprügelt mich. Das war die erste Lektion zum Thema, ich sage: Hier ist meine Grenze und du darfst hier nicht rein. Für mein Nein, wurde ich so krass bestraft, dass ich jedes Mal, wenn ein mir vermeintlich höher gestellter Mann etwas fordert, in das kleine Mädchen falle und völlig belämmert reagiere. Es passiert in den profansten Situationen. Ein Bankbeamter, Arzt, Behördenangestellter, früher Lehrer, später Professor, Galeristen, Ausbilder, es gibt sogar Frauen bei denen mir das so geht, wenn sie dominant genug sind, aber auch wenn mir ein Mann begegnet, der mir gefällt – wupps, bin ich ein brabbelndes kleines Mädchen. In Liebesbeziehungen war meine Strategie mir immer Männer, die kleine Jungs sind auszusuchen, so dass sie niemals über oder mir gegenüber standen, sondern unter mir. Dann war ich sicher – das barg natürlich ganz andere Probleme auf Dauer und ist immer zum Scheitern verurteilt.
Ich kenn das Spiel schon, was dann abgeht. Letzte Woche hab ich mich darin wieder erleben dürfen. Ich spüre den Grenzüberschritt nicht, nur das ich wuschig werde und nichts mehr kapiere. Ich spüre auch nicht meine Wut auf mich. Es passiert, was immer passiert in solchen Momenten. Der Therapeut redet in seinen Therapiesitzungen vom Übertrag, den ich da mache auf ihn und bei ihm vom Gegenübertrag, den er dann spürt. Für einen Therapeuten ein sehr hilfreiches Erkennungssystem um die unterbewusste alte Situation seines Klienten emotional zu erfassen. Nur ein Behördenbeamter rafft nicht, dass er gerade mitten in einer Nachtraumatisierung seines Gegenüber sitzt (Übertrag), er rafft auch nicht, warum er gerade wütend auf mich wird (Gegenübertrag) und sucht bei mir nach einem Grund für seine Wut. Sieht sich einer Frau gegenüber die sich klein macht und duckt, in Totenstarre fällt, anstatt Eigenverantwortlich zu sein – eine Drückebergerin vielleicht, eine die im Opfer fest sitzt, der müssen wir jetzt mal richtig Druck machen. Und wupps eskaliert die Situation. Es gibt einen pubertierenden Anteil in mir, der dann Lösungsstrategien rausknallt. Im wahrsten Sinne des Wortes knalle ich dann Türen und renne mich schützend weg, wütend heulend und mich ganz ungerecht behandelt fühlend. Absolut unangebracht für eine Frau? Genauso stand ich letzte Woche in einer Behörde und hab mich echt in Schwierigkeiten gebracht. Und ich kann es alles so verstehen, was da passiert in mir und gleichzeitig wünsche ich mir so sehr mich in genau diesen Situationen endlich spüren zu können. Ich höre dann die guten Ratgeber neben mir, es muss doch mal gut sein mit deinem Trauma. Eine ruhige klare Ansage machen, dass solltest du lernen. Jetzt reiß dich doch mal zusammen. Irgendwann sollte doch auch mal gut. - Was ich alles sollte.... Ja, wisst ihr denn nicht, dass es keinen größeren Wunsch gibt, den ein traumatisierter Mensch sich wünscht??? Glaubt ihr allen ernstes es würde Spaß machen so rumzulaufen. Ich hab das dauernd. Hab noch nie eine Liebesbeziehung auf Augenhöhe leben können deswegen. Ich hab es nie geschafft einen guten Galeristen von mir zu überzeugen, weil ich da jedes Mal stand wie eine super dämliche Opferfrau und kein Wort raus bekommt. Oder Geldgeber für Filmprojekte oder oder  Ich hab mir damit so mega viele Chancen versaut, mein ganzes Leben lang. Und um das Auszugleichen hab ich geackert wie eine blöde. Deswegen schreibe ich auch so gerne, weil hier vor dem Computer bin ich sicher vor diesem Antrigger eines scheinbaren Übermachtmannes, wie es mein Stiefopa war. Hier kann ich zeigen, wie ich wirklich bin.
Ich habe schon so viele Aufstellungen gemacht mit meinem Täter und innere Reisen in denen ich ihn konfrontiert habe. Habe Schaumstoffblöcke mit Tennisschlägern malträtiert mit meiner Therapeutin. Verhaltenstherapeutisch, schamanisch, konfrontativ, Improtheatermäßig. Eines habe ich noch nie probiert und das tue ich hier und jetzt: mich so nehmen, wie ich bin.
Mein kleines Mädchen darf jetzt so lange so bleiben wie sie will. Ich werde keine Bemühungen mehr machen, sie zu verändern. Kein soll und erziehen mehr. Es dauert eben so lange, wie es dauert. Und vielleicht sind noch mehrere Inkarnationen nötig. Letzte Woche habe ich sie gespürt während es passierte und hab draußen im Flur der Behörde gesessen und Rotz und Wasser mit ihr geweint. Obwohl die vorbei gehenden Menschen blöde Kommentare machten wie Geht’s noch, können sie sich nicht zusammen reißen. Ich hab so gut es ging eine Schutzmauer um uns gebaut in dem Moment und sie innerlich auf dem Arm gehabt und getröstet. Es hat sie/mich so geschüttelt. Ich werd bald 50 und erkenne immer mehr, es ist eine lebenslänglich mit dem ich zurecht kommen muss. Und es bedarf eines Ja, es darf so sein. Ich mag den Druck und den Anspruch rausnehmen., dass ich normal, gesund oder geheilt werde. Ich mag mich genauso annehmen, wie ich jetzt bin. Egal ob es sich jemals ändern wird. Sondern so wie ich jetzt bin, darf es bleiben. Ich glaub, dass ist die schwerste Lektion, die ich je hatte. Deswegen weiß ich auch, dass es der richtige Weg ist. Mein Ego schreit, dass wäre eine Kapitulation. Tu diesen großen Fehler nicht, kämpfe. Doch ich kämpfe gegen mich, gegen mein inneres verletztes Kind. Damit ist jetzt schluß. Und ich spüre schon die Folgen: Aller Widerstand gegen das was IST fällt ganz langsam von mir ab, wie ein schwere, schwere Last. Ich bin genauso und es ist an der Zeit, dass ich das zeige, auch hier zeige. Dieses coole, immer positiv denkende FB ist ein schöner Parameter für diese Heilarbeit. Ich bin weder eine taffe Frau, noch schaffe ich es mich gesellschaftlich adäquat zu verhalten. Ich bewahre auch keine Contenance. Ich falle auf. Ich weine und ich knalle Türen. So bin ich. AHO



Sexueller Kindesmissbrauch

Wer sich informieren möchte: 

Was passiert gerade auf politischer Ebene? 

1. Hearing der Aufarbeitungskommission von sexuellem Missbrauch in Berlin:

„Als ich das erste Mal meine Periode bekommen habe, kam mein Vater zu mir“, erzählt Tophofen weiter. „Er sagte zu mir, dass wir jetzt aufpassen müssten, weil ich schwanger werden könnte.“ Sie habe eine solche Angst gehabt, erklärt die junge Frau. „Ich habe nicht gewusst, was sich ändern muss, damit das endlich aufhört.“

https://www.aufarbeitungskommission.de/pm-31-01-2017-1-oeffentliches-hearing-kindesmissbrauch-im-familiaeren-kontext/

http://www.deutschlandfunk.de/kindesmissbrauch-tatort-familiaeres-umfeld.1769.de.html?dram%3Aarticle_id=377811

https://www.welt.de/politik/deutschland/article161705721/Mein-Vater-sagte-zu-mir-ich-koennte-jetzt-schwanger-werden.html

https://beauftragter-missbrauch.de/betroffenenrat/aktuelles/detail/news/verbesserung-der-hilfesysteme-oeg-und-ehs/

https://beauftragter-missbrauch.de/presse-service/pressemitteilungen/detail/news/missbrauchsbeauftragter-roerig-stellt-expertise-zu-sexueller-gewalt-an-minderjaehrigen-mittels-digit/

Und hier meine Beiträge zum Thema:

http://schamanin.ninaschmitz.de/2016/11/wie-ist-das-leben-nach-einem-sexuellen.html

http://schamanin.ninaschmitz.de/2017/02/ich-bin-verdammt-scheiss-einsam.html

Donnerstag, 2. Februar 2017

Der Weg der Berührung

Ich bin überwältigt über die verbündeten Reaktionen, über die vielen Geschichten, die ich  gesendet bekam via Mail, Sprachnachrichten und die Kommentare auf Facebook, die vielen Anrufe gestern – kein Beitrag hat jemals solche Resonanz erfahren. Ich bin also nicht alleine mit diesem Thema. Es ist nicht leicht sich so verletzlich zu zeigen. Ich gehe gerne an diese Stellen, die wirklich weh tun – weil ich schon sooft die Erfahrung gemacht habe, dass da unten in den dunklen Verließen ganze Schatztruhen warten. Ich habe gelernt, dass meine scheinbar negativen Gefühle mein Wegweiser sind. Und ich bin jedes Mal total dankbar darüber, wenn ich eine Tür finde, die ich öffnen kann. Wie oft schwelen solche Gefühle in uns und wir finden die Tür nicht, durch die wir gehen können. Ich weiß, viele erschreckt meine Heilarbeit, aber sie hilft. Ich mache jedes Mal die Erfahrung, dass der Weg meine schlimmsten Gefühle bejahend in den Arm zu nehmen, mich erst wie ein Feuer durchtobt und dann kehrt Frieden und Ruhe in mir ein. Und diese Offenbarung, gerade hier auf FB, hilft total mich in diese Tabuthemen reinzuentspannen. Es darf nicht sein, dass wir uns hundmiserabel einsam fühlen??? Es ist aber so und wenn ich es vor mir und anderen zugebe, habe ich den schlimmsten Schritt der Integration schon gemacht. Ich habe mich geschämt gestern und diese Scham hab ich durchdrungen und als Dank all eure Liebe empfangen. Das Opferdasein kann erst dahin schmelzen, wenn es einmal richtig gesehen wurde. Jedes Gefühl braucht unsere Aufmerksamkeit. Die Eindrücke – und ich finde das einen schönen Ausdruck für eingelagerte Emotionen, die wir früher nicht fähig waren zu fühlen, diese Gefühle machen einen Eindruck in uns und wenn der in den Ausdruck kommt, reinigen sich die Eindrücke. Wir können da von den Kindern lernen. Ein quängelndes Kind reinigt sich gerade. Und wenn es seine Trauer, Überforderung oder Wut genug in den Ausdruck gebracht hat, dann kann es sofort wieder lachen. Dafür brauch es aber Eltern, die diese Gefühlsausdrücke halten können. Und das konnten viele nicht. Ich hab das auch lange nicht gekonnt. Und diese unterdrückten eingelagerten Eindrücke kommen solange immer wieder aufs Trapez bis wir sie in den Ausdruck bringen, also fühlen. Gefühle möchten gefühlt werden – das ist Lebensfluss.
Es tut so gut, die Illusion die einzige zu sein, die sich einsam fühlt aufzulösen. Vielleicht, so schrieb heute morgen eine liebe Frau, habe ich die Urangst unseres Daseins in Worte gefasst. Es ist die größte Illusion der wir aufliegen, das Getrenntsein. Doch das Gerede darüber, selbst die schlauesten Satsangs und Übungen haben mich nie an diesen Punkt gebracht, sondern ihr. Hier mit eurer Reaktion und den vielen Angeboten kommt die wahre Lektion. Ich hatte darum gebeten berührbarer zu werden. Und ich spüre meine Angst vor den nun folgenden Schritten. Gestern sind mir Freundschaften angeboten worden, ich wurde aufs Land und auf die Insel eingeladen. Eingeladen in den Arm und in eine Gruppe und ich möchte am liebsten wegrennen. Ich habe so Angst davor, irgendein Angebot anzunehmen. Meine uralte Arroganz sagt – so war das doch nicht gemeint. Ich will doch nicht wirklich das zehnte Mal meine Geschichte erzählen. Ich will warten auf den Traummann, der alles erfüllt und vorher oder mit weniger geb ich mich nicht zufrieden... so krass und es tut so weh, den Schmerz dieses arroganten Anteils in mir zu spüren. Da ist eine riesen Scham und so weiß ich heute, dass der Weg gerade erst beginnt und ich nun Schritt für Schritt eure Angebote annehmen werde. Damit ich live fühle, was sich alles verbirgt hinter der Angst vor Berührung.
Eine Freundin gab mir heute ein sehr tröstliches Bild, dass ich in einem Raum sitze und die Tür hat nur innen eine Klinke. Ich bin es, die die Tür immer zugehalten hat und ich bin es, die sie aufmachen kann. Und hier in meinem Raum, bin ich sicher. Hier ist aufgeräumt und meine inneren Kinder sind gut versorgt und freuen sich am Spiel. Und das gute an der Tür ist, dass ich entscheiden kann, wen ich rein lasse und wann und das ich raus gehen kann und wieder reinkommen kann. Ich darf spüren und hingehen, reinlassen und draußen lassen. Diese Art der Selbstermächtigung ist ein wunderschönes Bild.
Ich bin mir fast sicher, dass diese Lektion der Grund für meine Inkarnation ist, vielleicht für jede menschliche Inkarnation. Gute selbstbestimmte berührbare menschliche Begegnungen. Der Weg der Berührung. Mögen er geschehen. Zwischen uns allen. AHO

Mittwoch, 1. Februar 2017

Ich bin verdammt scheiss einsam.

und ich mag das nicht mehr verstecken. Ich bin gestern noch mal eine Etage tiefer in mein Dasein gefallen. Und wieder neue Schichten der Lüge in mir aufgedeckt. Seit Wochen frage ich mich, woher kommen diese krassen Nackenschmerzen, dieser Druck, diese Getriebenheit? Ich liebe meine Arbeit und gleichzeitig macht sie mich krank. Irgendwas ist noch so schief in mir, was ist da los??? Irgendwas konnte ich noch nicht sehen. Ich arbeite weiter, obwohl ich mich krank fühle. Ich habe immer weiter gearbeitet, auch in den schlimmsten Zeiten, wenigstens geschrieben habe ich jeden Tag. Wenigstens noch eine Kommunikation nach außen aufrechterhalten, auch wenn sonst nichts mehr geht... und genau da ist der Punkt mit dem ich einsteigen kann.
Ich verstecke diese Stelle vor mir, so lange ich denken kann. Ich habe ein Problem mit Menschen im Kontakt zu sein. Jeder, der mich kennt würde sagen, dass ist eine Frau, die super schnell Menschen kennen lernt, die alle mögen, auch wenn sie so direkt ist – die ein soziales Netz hat, Freunde, Familie. Doch ich bin in all dem nicht verbunden. Nicht wirklich. Ich arbeite für diese Verbindungen. Ich habe gar keine Ahnung, was übrig bleiben würde, wenn ich aufhöre dafür zu arbeiten. Nicht viel, sagt ein Teil in mir, schau doch hin, wie einsam du bist. Ich weiß, da liegt eine Verwirrung vor. Ich folge nun dem Pfad ins Dunkel und höre mir die Wahrheit meines inneren Kindes an. Da ist niemand, sagt es. Ich bin so alleine, so verloren. Und so ist auch mein Alltag im Heute, sagt sie. Wenn ich die Klienten und die Arbeitskollegen mal weglasse – ich hab das gerade getestet als ich einen Wirkungskreis verlassen habe – wer bleibt übrig, wenn wir zB eine Schule verlassen, vorher war es ein ganzer Schwarm und dann sind es ein zwei Menschen, alle anderen haben keine Zeit. Wer bleibt übrig, wenn ich hier auf FB aufhöre zu schreiben, wer besucht mich live, wer ruft mich an und fragt, wies mir geht? Vielleicht zwei. Ich bin nicht verbunden. Ich habe kein Netz, kein Feld. Das ist die Wahrheit und ich täusche mich selber über diese Wahrheit hinweg. Selbst für die Bindung mit meinen Kindern arbeite ich, sagt das innere Kind. Solange ich denken kann, arbeite dieses innere Kind dafür geliebt, gesehen und dabei zu sein. Dabei sein reicht schon, dann ist es schon glücklich. Meine Klienten und Workshopteilnehmer sind mein Freundesfeld, die Facebookleser meine Familie – wie oft habe ich schon den Ausdruck Bookfamilie gelesen.... ich bin da wohl nicht die einzige, die das verwechselt. Eine fiktive Welt die mich meine innere Einsamkeit nicht mehr so einsam spüren lässt. Aber es hilft nicht. In Wirklichkeit bin ich Innen immer noch genauso einsam und das treibt mich weiter an, noch mehr dafür zu arbeiten, dass ich dazu gehöre. Daher kommt meine Getriebenheit und diese ganze never ending story.... und die große Nina weiß, es sind nicht die Anderen, die nicht kommen, es bin ich, die sich nicht verbinden kann. Ich kann die Verbindungen nicht aufrecht halten und gleichzeitig leide ich wie Hund unter dem, was ich nicht kann. Ich vermisse die Menschen und kann nicht in den Kontakt gehen.
Ich saß gestern beim 1. Hearing der unabhängigen Kommission zur Aufarbeitung Sexuellen Missbrauchs. Ich saß im Publikum und habe mir die Geschichten der mutigen Frauen und Männer dort auf dem Podium angehört. Ich habe den ganzen Tag geweint. Und ich habe diese tiefe Einsamkeit und die lebenslange Überlebensstrategie so krass benannt von den Menschen dort, in mir wiedererkannt... mir war nicht klar, dass das mein Hauptproblem ist. Klar, wenn man 40 Jahre lang alleine war mit der Geschichte eines Missbrauchs im Petto – Teile meiner Familie wollen die Geschichte immer noch nicht hören und verbannen mich. Das habe ich von klein auf erlebt. Und genau das ist die Folge, die in meinen Augen schlimmste Folge von sexuellem Missbrauch, die sich da bei mir zeigt und bei allen die ich gestern gehört habe – ich habe nie gelernt mich mit dem was in mir ist, mit der schwere, der ganzen Geschichte und allem was dazu gehört mich mit einem Menschen zu verbinden.
Da ist keiner, der die Geschichte hören mag. Und schon gar nicht zum zehnten Mal. Keiner der die Kraft hat oder die Zeit, sich das anzuhören. Gar zu helfen, gemeinsam aufzuarbeiten. Später bezahlt man die Therapeuten dafür, als wären sie die beste Freundin und dann kommt dann die zweijährige Therapiepause und man steht alleine da. Keine Freundin...
Millionen von Kindheiten sind genauso abgelaufen. Eine Millionen Kinder und Jugendliche sind es zur Zeit, die sexuell missbraucht wurden – das sind die Zahlen vom Bund – Wo hören wir von ihnen? Wo lesen wir ihre Geschichten? Noch immer wird geschwiegen. Noch immer ist das zu schwer für die Angehörigen. Freunde und Nachbarn schauen immer noch lieber weg – oder wer von uns kennt diese sexuell missbrauchten Kinder? Eine Millionen bedeutet in jeder Klasse 1-2 Kinder. Jeder von uns kennt welche und weiß nichts davon. Und das macht bei den Kindern das lebenslange Gefühl nicht dazuzugehören, unverbunden zu sein. Ist nicht schlimm? Doch. Es ist die Hölle. Das ist Isolationshaft, weil man das Opfer ist und Hilfe braucht und dennoch ausgegrenzt wird und diese Gefühle dürfen wir nicht zeigen, weil das wieder zu schwer wäre und das zu schwer sein ist ja der Grund warum es ein Tabu ist. Es hilft auch nicht, dass die Psychologen dafür inzwischen eine Fachbegriff der sekundären Victimisierung eingeführt haben. Also machen wir uns dauernd leicht, sind Pausenclowns oder Helfer, Therapeuten um wenigstens darüber dabei zu sein... und Einsamkeit tut so weh. Es tut so weh. Gestern sagte eine Buchautorin, es nützt auch nichts wenn man ein Buch schreibt, 5000 Facebookfreunde  hat und auf Podien eingeladen wird – die Einsamkeit bleibt.
Was tatsächlich hilft ist zu spüren, dass es allen die ein schlimmes Trauma erlebt haben so ergeht.
Ich bin seit Jahren krank und lasse mich nicht krank schreiben, weil ich Angst habe, dass ich dann die paar Fäden an menschlichem Kontakt auch noch verlieren. Auch das habe ich gestern mehrmals gehört in den Geschichten der andere Überlebenden. Wenn ich nicht mehr arbeite, sehe ich ja niemanden mehr. Und ich hab Angst vor dieser Isolation, die ich im Innern immer fühle. Also arbeite ich weiter und ich kann aber nicht mehr. Ich bin völlig ausgebrannt davon.
Ich hab grad überhaupt keine Ahnung, was ich hiermit mache. Ich hab die ganze Nacht wach gelegen und geweint. Ich kann mich nur endlich krank schreiben lassen und mich der größten Angst meines inneren Kindes stellen und sie begleiten.
Ich begleite dieses innere Kind schon seit Jahren und helfe ihm die Einsamkeit tragen, dann sind wir innen gemeinsam – ich kann mich versorgen, meditieren und gut für mich kochen und schöne Zeit mit mir verbringen – doch was ich, auch die große Frau, eigentlich will sind Verbindungen, Menschen, Freundschaften, eine Mann. Ich habe noch nie eine Liebesbeziehung auf Augenhöhe, gesund und tragend gelebt. Mir ist all das Geld und Prestige und Ansehen völlig wurscht, ich möchte verbunden sein und fähig sein, dies zu leben ohne dass ich innerlich dafür arbeite. Und ich hab kein Ahnung wie das geht. Und ich bin genauso und ich mag das nicht mehr verstecken. Ich mag meine ganze Verletzlichkeit und meine Schwere hier zeigen. Denn genauso bin ich. AHO