Donnerstag, 10. November 2016

Freiheit

Ich war gestern Abend mit meiner Freundin in dem Konzert von IAMX hier in Berlin. Selten hat mich etwas so tief berührt. Gerade gestern, dem Tag mit diesem Wahlausgang in USA. Janine ist die älteste Tochter meiner Hebamme und Maries erste Babysitterin. Ich habe sie gestern nach 18 Jahren wieder gesehen und während der ersten Songs stand ich weinend vor Rührung im Publikum. Mir ist richtig die Luft weggeblieben. Es hat mein Herz aufgerissen und eine Flutwelle Hoffnung hat mich durchströmt. Zu erleben, wie diese Frau ihre Freiheit, ihre Kreativität, ihre Schönheit da oben auf der Bühne auslebt, hat mich total weggeflasht. Noch nie und das meine ich so, habe ich einen Menschen erlebt, der all seine Scham überwunden hat, völlig frei zu sich steht und soviel Glück, Wunder und Liebe ausstrahlt. Und nein, die Musik ist weder oberflächlich, noch Mainstream. Sie ist tief, berührt Schmerzen, ungeliebte Wahrheiten. Sie ist wild und voller Feuer, dass alles abbrennt – ganz wie der aktuelle Tourname „Everything is burning“. Voller Posie und Liebe und vor allem voller Freiheit. Leicht mit all der Schwere. So wie das Leben gemeint ist.



Diese Band zeigt die Gleichzeitig, zeigt Freude pur, wildes Tanzen, zartes Berühren, Sexualität neben Gewalt, Bilderfluten mit Texten und Licht feinst komponiert, Wandel und immer wieder die Befreiung neben und von all den anderen Gefühlen. Nicht umsonst trägt der Bandleader eine Krone aus schwarzen Federn, wie ein Häuptling. Tragt sie, diese Krone, in dem Gewahrsein das euer Weg wichtig ist für viele. Geht weiter, wir brauchen euch, damit wir folgen können.
Ich stand da im Publikum voller Bewunderung und frug mich, wie eine Frau so frei sein kann? Wieso konnten sie so werden? Ich sehe Janine als 19-jährige vor mir und weiß es. Ich sehe ihre Kraft. Und ich sehe ihre Mutter, ihre Ahnin, in ihrem Rücken stehen. Ich sehe diese Liebe. Ihre Mutter, meine Hebamme, mit der ich meine beiden Töchter zu Hause auf die Welt brachte. Die erste Schamanin, der ich begegnete und mit der ich meine ersten Taufzeremonien erlebte und Bäume für meine Kinder pflanzte. Sie hat den Samen in diesem Leben gelegt, warum ich heute Schamanin bin und Zeremonien abhalte. Eine Mutter, die liebt, so wie es ist. Etwas Wichtiges habe ich damals das erste Mal in ihrer Familie erleben dürfen: egal was für Krisen sind, die Kinder waren geliebt, umhüllt, aufgehoben. Und ich konnte es bei allen vier Kindern sehen – ihre Kinder waren sich ihrer selber bewusst und fühlten sich damit wohl, waren geliebt darin, liebten sich selber darin. Ihnen wurde vertraut, sie wurden als Wesen gesehen und erkannt. Das ist die Basis dafür, dass jemand in dieser Welt als Janine Gezang auf der Bühne stehen kann. Dass jemand eine solche Freiheit leben kann. Dass jemand die Widerstände, die uns Andere aufhalten uns zu zeigen wie wir sind, mutig überwindet. Die Scham, die Angst, die Konzepte, Glaubenssätze und co. Dass jemand diesen langen Weg geht, weil er weiß, er ist richtig. Dass jemand dran bleibt an seinen Träumen, weil er an sich glaubt und immer weiter geht, auch wenns mal schwierig wird. Ich konnte dieses Urvertrauen gestern wiedererkennen. Es ist die Basis für alles. Mögen wir es alle in uns wiederfinden.
Und wir können etwas dafür tun, dass dieses Urvertrauen wächst. Das heißt, wir haben es in der Hand, dass diese Welt sich ändern kann, indem wir unsere Kinder lieben. Sie so lieben, wie sie sind. In ihrer Wildheit, in ihrer Schrägheit, in ihrer Unvollkommenheit, in ihrem Dasein ohne Leistung, einfach weil sie sind.
Ich hab diese Kinder meiner Hebamme damals fasziniert von ihnen fotografiert vor einem Hai. Ich sehe ihre Kraft, ihr Selbstbewusstsein. Und heute weiß ich, dass ihre Strategie funktioniert. Was für ein Segen, dass ich diese Hebamme damals kennenlernte. Ich schicke großen Dank an Dich.


Jugendportraits, C-Print, Diasec, 110 x 140 cm, 1999, o.T.

Ich verneige mich vor Dir, Janine, weil du vorausgehst für uns alle. Und wir folgen und wir sind viele. Jeder folgt auf seine Weise. Diese freie Kreativität kann man überall ausleben, nicht nur als Künstler oder Schamane oder Hebamme. Wir dürfen sie uns nehmen, diese Freiheit. Und es geht nicht um den Erfolg auf einer Bühne damit zu stehen oder damit sounsoviel Geld zu verdienen oder eine volle Praxis zu haben oder oder oder – das sind alles nur unfreie Konzepte. Es geht um die Freiheit des Seins. Frei sein, so wie wir sind, im freien Fluss der eigenen Kreativität stehen, was immer kreativ sein möchte in uns. Da können Häuser draus entstehe oder Biogärten, oder Kinderspiele oder ein Gespräch oder ein Essen. Kreativ ist man nicht nur als Künstler, jeder von uns ist das. Das ist unsere Art als Menschen, wie wir uns entfalten können, wie wir die sein können, die wir sind. Und darin können wir lieben. Wenn wir unsere Eigenart lieben und leben, dann achten wir automatisch die Andersartigkeit der Andere, eines jeden Anderen und erkunden sie voller Neugierde – dann gibt es keine Grenzen, keinen Rassismus, keine Religion oder Idee, die nicht Platz hat, neben mir und meinem Dasein. Und wir alle dürfen uns erinnern – wir sind viele und wir sind Liebe und verwandeln diese Erde in das, was sie ist, einen Planeten der Liebe. Und auf diesem Weg, werden wir auch alle Trumpanteile in uns in liebend veraschen. Mögen wir die Freiheit leben. Jeder von uns. Heute mehr denn je. AHO

Danke für dieses wundervolle Konzert und euer Sein.
Nina

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