Freitag, 24. Februar 2017

Survivors´Collective Berlin


Schweigen ist vorbei.

Gestern haben wir uns das zweite Mal getroffen. Und wir waren 12 Menschen, ein Mann und 11 Frauen. Alle Betroffene von sexuellem Missbrauch in der Kindheit. Unsere Geschichten haben uns tief berührt. Die Ähnlichkeit der Gefühle und der Lebensumstände sind jedesmal frappierend. Wenn einer erzählt, nicken die anderen. Da gibt es welche, die mußten mehrmals Abtreiben, weil sie schwanger von ihrem Vater waren oder welche die weitergereicht wurden zu den Freunden der Familie und welche die waren erst zwei Jahre und andere die dazu geschlagen und verlassen wurden. Es war der Bruder, der Vater, der Onkel, der Lehrer, der Stiefopa, die Mutter, die Freundin der Mutter - immer war es Macht und tiefste Verletzung, die sich wie ein Netz bis heute durch das Leben zieht. Jeder, der da saß, wußte wie es sich anfühlt. Die Krisenzeiten, wenn Flashbacks kommen, die Tage wo man völlig neben sich steht im Nebel, das Alleinsein, das Erdrücken des Schweigens und die doofen Kommentare, wenn man spricht, das Stigma mit dem man in der Gesellschaft konfrontiert ist, Opfer sind eben so - dabei sind wir ganz anders. Und genau an dieser Stelle kippt die Energie in eine große Kraft. Hier zeigen sich die Fähigkeiten, die ein Mensch entwickelt, wenn er von klein auf ein solches Trauma trägt. Jeder von uns hat eine innere Stärke entwickelt, ein Stehen, ein ich-will-leben, trotzdem und dennoch. Wie einen gleißenden Lawastrom fühle ich die Überlebenskraft dieser Menschen. Es sind Heldengeschichten, von Überlebenden, die großartige Strategien entwickelt haben um heute hier zu sein. Da ist ein Lebenwille, der ist so stark, dass er Bäume ausreißen kann. Da ist ein ich will etwas machen aus diesem Leben. Mit dem, wie es ist, will ich etwas richtig Gutes machen. Da ist ein Wunsch nach Aktion, nach freiem Leben, nach Gesehen werden im Sosein, nach authentisch sein können und endlich einen Platz haben in dieser Gesellschaft. Und zwar mit der Geschichte, nicht ohne sie.
Doch wir gehören nicht dazu. Immer noch nicht. Der Taburaum, um dieses Thema ist immer noch so groß, dass weiter neue und neue sexuelle Übergriffe an Kindern darin geschehen. Und die Kinder brauchen, dass wir diesen Taburaum öffnen und alle hinhören. Das ist ihr Schutz, wenn wir hinsehen. Für die Kinder. Wir wollen nicht mehr schweigen. Ja, diese Themen sind schwer und die Menschen wollens leicht und lustig. Genau das wollen wir auch. Und zwar gleichzeitig mit dem schwer. Leicht schließt schwer nicht aus, sondern sie existieren gleichzeitig.
Wir wollen tanzen und Picknick machen. Flashmobs und Theater spielen. Wir wollen unsere eigenen Aufkleber, Buttons und Bilder entwefen. Wir wollen ein Buch zusammen schreiben und einfach füreinander da sein. Wir wollen stricken und basteln und vielleicht auch mal Kuchen backen. Und weinen und lachen. Wir möchten gesehen werden, wie wir sind. Mit dem Schmerz und der Lebenslust. Mit der Langsamkeit, den Zweifeln und der Feinheit, die wir entwickelt haben für andere Menschen. Wir wollen unsere Maksen abnehmen. Wir wollen Sprühaktionen in der ganzen Stadt machen. Wir wollen malen und unsere Bilder ausstellen, wir wollen singen und verbunden sein. Mit uns und euch. 
Nina Schmitz
Survivors´Collective Berlin ist für Überlebende von sexuellem Missbrauch. Wir treffen uns am 3. Donnerstag im Monat. Schreibt uns. 
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